00:00
Musik Musik
00:10
Herzlich willkommen zum SF-Krimi-Podcast. Mein Name ist Wolfram Höll und es ist Sommer. Das heißt Zeit für eine schöne Retro-Sommerserie bei uns im Krimi-Podcast. Und bei mir ist die Frau, die uns die Sommerserie mit dem vielleicht schönsten Titel im Krimi-Podcast überhaupt mitgebracht hat, Susanne Jansson.
00:32
Hallo Wolfram, findest du das einen der schönsten Titel?
00:34
Hey, fünf tote alte Damen finde ich einfach einen genialen Titel. Es klingt für mich so nach einer Gang, aber haltens gab es noch Damen. Es sind doch gleich fünf und dann sind sie aber tot, auch klanglich finde ich es schön. Ich will sofort wissen, was sind das für Damen, was haben die miteinander zu tun, warum sind sie tot? Ich finde es einen super Titel.
00:55
Na, sehr schön. Legt die Messlatte hoch, es wird einiges passieren, kann man vermuten. Wir haben fünf Teile, wir haben fünf tote alte Damen. Na, wenn da nicht ein Zusammenhang besteht.
01:05
Ihr kennt den Autor, Hans Kruhl hat die letzte Visite geschrieben. Die hatten wir letztes Jahr im Krimi-Podcast als Sommerserie und aus seiner Feder eben auch die, mit der wir heute starten. Produktionsjahr 1968, fühlt sich aber wieder ein bisschen fast noch älter an Wolfram, oder, Familie?
01:24
Ja, sicherlich gefühlte 50er Jahre, muss man schon sagen. Wie bei der letzten Visite ist unsere Hauptfigur, unser Ermittler, ein Arzt. Und wie es auch der Titel vielleicht schon vermuten lässt, er geht da jetzt nicht. Er behandelt weder die revoltierenden Studenten, noch die Hippies kommen mit Hautekzemen oder Ausschlag oder...
01:46
Vielleicht ein Klischee zu bedienen, Krankheiten dazu in die Praxis, weil sie freie Liebe machen oder zu viele Drogen konsumiert haben. Nein, es geht wirklich, in sehr gutbürgerlichen Milieus wird da gestorben und dementsprechend auch ermittelt.
02:02
Absolut. Und auch das Rollenbild fühlt sich an, als wäre es wirklich nicht 1968. Also da ist der Satz, ich habe sie übernommen wie anderes Inventar mit ihr, tatsächlich noch einer der harmlosesten. Das hatten wir auch bei der letzten Visite, dass da die Arztschwestern und Ärztinnen auch nach ihren körperlichen Erscheinungen begutachtet werden. Und das ist hier vor allen Dingen in der ersten Folge auch dem...
02:30
Ich-Erzähler ein großes Anliegen, sein weibliches Umfeld zu erfassen. Ja, da könnt ihr euch fragen, wie viel 68 da drin vielleicht doch ein bisschen gut gewesen wäre.
02:41
Ja, und dennoch eine ruhige, aber schöne Krimi-Geschichte. Viel Wortwitz gibt es zu entdecken und eben sie nimmt sich Zeit. Deswegen viele kleine spannende Entwicklungen, die aus dem Arztalltag in einen Kriminalfall übergehen.
02:59
Absolut.
03:00
Viel Vergnügen bei der ersten von fünf toten Damen von Hans Kruhl.
03:04
Viel Spaß.
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Musik
03:30
Fragen Sie Ihren Arzt, meine sehr verehrten Damen und Herren. Er wird es Ihnen bestätigen. Ältere Damen gehören in sein Wartezimmer wie die abgegriffenen Zeitschriften aus der Lesemappe. Und dass freilich nur dann und wann alte Damen auch sterben müssen, nimmt Ihnen nicht Wunder. Es gehört gewissermaßen zu seinem Alltag.
03:54
Wenn aber die Todesfälle sozusagen epidemischen Charakter annehmen, dann ist es verständlich, wenn auch der Arzt beginnt, sich Gedanken zu machen, die weit über sein Fachgebiet hinausreichen und die ihn schließlich zu, sagen wir, verblüffenden Ergebnissen führen. Kurzum, fünf tote alte Damen innerhalb kurzer Zeit sind für einen Arzt keine Empfehlung, zumal dann, wenn seine Praxis noch jung und sein Ehrgeiz groß ist.
04:21
Die Geschichte, verehrte Zuhörer, die ich Ihnen erzählen möchte, verlangt es allerdings, dass meine alten Damen zunächst noch leben. Bis auf zwei, aber das erfuhr auch ich erst später. Und die erste, die ich kennenlernte, war zweifellos die reizendste alte Dame, die ich jemals gesehen hatte, meine eigenen Großmütter nicht ausgenommen. Sie trug eines dieser langen, schwarzen, würdevollen Kleider, wie man sie aus dem Familienalbum kennt. Es saß durchaus auf Talie. und hatte ein weißes, gekräuseltes Letzchen und schmale Manschetten von der gleichen Machart.
04:54
Über dem Letzchen baumelte ein Gehänge von Topazen. Und über allem war ihr Gesicht, mild und hoheitsvoll wie Marzipan. Und kaum ein Fällchen darin. Manche 50-Jährige hätte der Kosmetikerin eine Prämie gegeben, wenn sie ihr diese Haut hingezaubert hätte.
05:15
Das Haar war schlohweiß und hochgesteckt. Aber es war etwas Junges an der alten Dame, und ich konnte mir gut vorstellen, wie sie als Backfisch ausgesehen hatte, als sie beim Konfirmandenunterricht kicherte und den Jünglingen auf der Straße nachsah. Ihre Augen schienen sonst fröhlich zu sein und voller Wohlwollen, als hätte die alte Dame in mehr als siebzig Lebensjahren keine Enttäuschung erlebt und keinen bösen Gedanken gedacht.
05:43
Aber im Moment waren sie voll Sorge und Furcht. Ich hatte mich überschlagen vor Eile. Es sah so aus, als wäre ich wieder einmal zu spät da und umsonst. Ihre Hand war kühl und weiß wie Porzellan. Ich nahm meinen Hut ab.
05:58
Oh, Herr Doktor, wie nett von Ihnen. Bitte kommen Sie.
06:03
Danke sehr.
06:07
Ich zog den Kopf ein, wie ich es immer tat, obwohl die Türen in diesem Teil der Stadt meistens höher waren als meine 1,95 Meter, und trat vorsichtig über die Schwelle.
06:16
Hier bitte, Herr Doktor.
06:16
Danke vielmals.
06:22
Wir standen in einem Salon, wie auf der Bühne im ersten Akt eines Gesellschaftsstückes. Matte massive Eichenmöbel in unserem furnierten Zeitalter, an der Decke verschnörkelter Stuck.
06:35
Vor dem linken Fenster stand das obere Drittel von Goethe aus Stein, auf einem steinernen Sockel und sah mich aus Olympia-Augen an. Die Wände steckten hinter einer dunkelgrünen Bespannung, unterbrochen von Holzleisten. Neben Goethe stand ein Flügel mit aufgeschlagenem Deckel und abgegriffenen Tasten, L. Bechstein, 1904. Vier Türen gingen ab. Die alte Dame öffnete die hintere Tür auf der linken Seite.
07:02
Ich trat hindurch und sah, dass wir am Ziel waren. Es war ein kleines Zimmer mit einem Geruch nach Baldrian und einem Haufen nicht eingenommener Medikamente in der Schublade. Und etwas von Alter und Tod. Das Bett stand rechts an der Wand, hoch bei mich, hohe Bretter an Kopf und Fuß, hohe Kissen. Ich sah die alte Dame zum zweiten Mal.
07:31
Das gleiche Gesicht, die gleichen Hände. Sie waren auf der Brust gefaltet. Und zwischen den Fingern wandten sich die Perlen eines Rosenkranzes. Kein Unterschied zwischen der Farbe des Gesichts und der des Nachthemdes. Ich hörte ein Geräusch hinter mir. Zu laut für ein Atmen und zu leise für ein Schluchzen.
07:56
Ist sie... Ist sie schon...
08:01
Ich wußte es noch nicht und schwieg. Meine Besuchsmappe war neu wie meine Praxis. Sie roch intensiv nach Leder und knirschte beim Öffnen. Aus dem Durcheinander von Besuchsbuch, Rezeptblöcken, Spritzen und Ampullenschachteln fischte ich mein Stethoskop heraus. Dann nestelte ich vorsichtig die Knöpfe am Nachthemd der alten Dame auf, ohne die stillen Hände mit dem Rosenkranz zu stören. Ich setzte die Membrane auf die blasse Haut neben dem Brustbein.
08:30
Mit der linken Hand griff ich nach dem Puls. Ich hörte nichts und fühlte nichts. Die alte Dame hinter mir wagte nicht zu atmen, und die im Bett tat es nicht mehr. Während ich lauschte, sah ich über die Nachttischplatte. Ein Taschentuch lag auf der gehäkelten Decke, daneben eine Bibel mit Goldschnitt und Lesezeichen.
08:57
Zwei Tablettenschachteln, eine mit Knoblauchpillen, Lebenskraft, und eine mit Schlaftabletten, von denen man alle auf einmal nehmen mußte, um gegen morgen in unruhigen Schlummer zu versinken. Dann war noch eine Flasche da. Digitale Stinktur für das Herz. In der Mitte hingen ein paar Mimosen in einer knospenförmigen Vase. Und ein paar der gelben Kugeln waren heruntergefallen und tot. Alles das sah ich mit einem Blick.
09:28
Und noch etwas. Ein Bild. Querformat in einem verschnörkelten Silberrahmen. Fünf junge Mädchen waren darauf, aber sie hätten keine Titelseite für eine Illustrierte von heute abgegeben. Arm in Arm, steife Glieder und steife Gesichter, auf denen die Anstrengung der Zwei-Minuten-Belichtung zu erkennen war. Weiße, dreiviertellange Kleider mit breiten Scherpen und Propellerschleifen hinter den Hüften. Unten hatte der Fotograf, mit deutscher Schrift unterschrieben, Hermann Jago, Kunstlichtbildner.
10:00
So sah es auch aus. Ein Jugendbildnis aus der guten alten Zeit. Höhere Töchter mit Hoffnung auf die standesgemäße Partie. Ich ließ das Handgelenk los, nahm die Membran weg und die Oliven aus meinen schmerzenden Ohren.
10:16
Vorsichtig hob ich das Oberlied ihres rechten Auges an. Dann stand ich auf.
10:24
Sie ist heimgegangen?
10:29
Ja, Freundin. Ich muss leider... Es ist so, wie Sie sagen.
10:37
Meine arme, arme Jenny.
10:44
Ich will Sie nicht unnötig aufhalten, Herr Doktor. Sicher müssen Sie auch noch etwas wissen wegen dieses Scheins.
10:56
Ihre Haltung erstaunte mich. Ich hatte eine größere Szene erwartet. Stattdessen war sie so nett, an den Totenschein zu denken. Man lernt nie aus. Wir setzen uns hinaus in den Theatersalon, vor den Bechsteinflügel und neben Goethe.
11:13
Die alte Dame sprach mit klarer Stimme.
11:16
Sie war schon ewig lang in Behandlung mit dem Herzen. Bei Dr. Harding. Sie wissen sicher.
11:23
Ich habe die Karteikarte gesehen, ja.
11:26
So. Ja. In der letzten Zeit ging es ihr eigentlich ganz gut. Früher, da hat sie Spritzen gebraucht. Ich weiß nicht mehr wie viele.
11:43
Ein paar Mal war sie auch zur Kur. Sie hat sich immer recht gut erholt dabei.
11:49
Was hat sie angenommen in der letzten Zeit? Nur das Digitales?
11:52
Nur das. Zweimal acht Tropfen am Tag. So wie Dr. Harding es gesagt hat. Und dann ihre Schlaftabletten. Aber nur manchmal. Oft schlief sie auch so ein.
12:08
Und wie ging es ihr gestern?
12:10
Eigentlich gut. Sie war auf. Sie hat auch gegessen.
12:16
Tja, liebe Frau Linze, manchmal geht es leider furchtbar schnell. War sie ganz allein hier in der Wohnung?
12:23
Nein. Sie hat zwei Zimmer vermietet. Und die eine Untermieterin kümmerte sich sehr nett um sie. Außerdem kam ihre Putzfrau dreimal in der Woche.
12:38
Und ich habe natürlich auch.
12:40
Natürlich.
12:45
Und heute Abend? Ich kam wie immer um die gleiche Zeit. Und da... Ich habe Sie gleich angerufen, Herr Doktor.
12:59
Ich zog das Formular aus meiner Mappe. Alles ganz klar. Keine Sensation. Ein alltäglicher Fall.
13:06
Ein altes Herz, das aufgehört hatte, zu schlagen.
13:10
Sie sagte mir die Personalien und ich schrieb. Jenny Herwig, geboren am 15. Januar 1888. Die alte Dame hatte den gleichen Gedanken wie ich.
13:24
Sie hätte so gern noch ihren 80. Geburtstag gefeiert.
13:30
Zusammen mit mir.
13:32
Und nun? Ich schrieb weiter.
13:35
Ich kannte auch Ihre Karteikarte und wusste Bescheid. Sie waren Zwillinge. Ich wurde schnell fertig. Grundleiden, unmittelbare Todesursache. Verdacht auf unnatürlichen Tod? Nein. Ich drückte meinen Stempel darunter und unterschrieb. Unleserlich wie immer, das war ich meinem Beruf schuldig.
14:00
Und was muss ich jetzt?
14:02
Sie müssen ihn dem Bestatter übergeben, Frau Lenzüm. Er sagt Ihnen alles Weitere. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?
14:09
Nein, nein. Vielen Dank. Ich habe Sie so spät noch bitten müssen.
14:17
Das macht gar nichts. Darum machen Sie sich bitte keine Sorgen. Wenn irgendetwas ist, nur anrufen.
14:24
Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor. Vielleicht komme ich zur Untersuchung zu Ihnen. Die ganze Aufregung und wenn alles vorüber ist.
14:38
Das wäre wirklich nett von Ihnen. Wenigstens Sie sollen Ihren 80. Geburtstag feiern.
14:43
Doch, Herr Doktor. Vielen, vielen Dank. Und auf Wiedersehen, Herr Doktor.
14:52
Wir gingen dann hinaus auf die dunkle Diele. Der Stein an der Goethe blickte mir nach. Die Wohnungstür schlug zu.
15:01
Die Treppe drehte sich spiralig nach unten und roch nach altem Öl. Über der Straße hing ein halber Mond mit einem kalten Hof von Licht. Ich warf noch einen Blick hinauf, wo die alte Dame mit ihrer toten Schwester allein war. Mir war, als wäre ich aus dem vorigen Jahrhundert wieder aufgetaucht in meine Welt von heute und als wäre ich lange weg gewesen.
15:41
Ich wachte auf aus einem Traum, der irgendetwas mit dem vergangenen Abend zu tun hatte. Ich sah die alte Dame, Goethe und das Klavier und die muffige Dunkelheit. Ich überlegte mir jede Minute meines Besuches, ohne zu wissen warum.
16:01
Aber plötzlich hatte ich das Gefühl, als wäre bei allem gestern Abend etwas Merkwürdiges gewesen. Seltsame Dinge, die nicht dorthin gehörten. Ich fand es nicht wieder. Einbildung wahrscheinlich. Als ich noch einmal nachzudenken versuchte, fing mein Wecker zu lärmen an. Hoch, schrill, endlos. Ich ließ ihn auslaufen, um die Feder zu schronen.
16:27
Dann kippte ich ächzend die Beine über den Rand des Bettes, wischte mir eine Träne aus dem rechten Auge und fuhr in meine Filzlatschen. Während des Waschens dachte ich daran, dass Mittwoch war. Von den Besuchen abgesehen also ein freier Nachmittag. Meine Laune stieg um ein paar Grad und das Frühstück schmeckte besser. Ich trank in Ruhe eine zweite Tasse Tee, dann band ich einen vornehmen Winzerknoten in meine Krawatte, zog meinen weißen Mantel an und ging zur Praxis hinüber. Ich brauchte bloß über den Flur, Wohnung und Praxis lagen sich im Erdgeschoss des Hauses gegenüber, enorm günstig für einen Langschläfer wie mich.
17:05
Mein Sprechzimmer war nicht groß, aber gemütlich, und die Leute wurden schnell warm darin. Sie kamen in einen Stuhl an der rechten Seite des Schreibtisches, zwanglos, aber nicht zu bequem, um ihnen das Aufstehen zu erleichtern.
17:20
Ich selber hatte einen Bürosessel, in dem man nach hinten kippen und ausruhen konnte, wenn einer seine Beschwerden zu endlos schilderte. Der Schreibtisch strahlte in weiß. Auf der Platte hielt ich, entgegen meiner Veranlagung, leidliche Ordnung, um als ordentlicher Mensch größeres Vertrauen zu erwecken. Der Bestand an Privatpatienten war äußerst mager. Kein Wunder. Erst seit einer Woche saß ich auf dem Kippstuhl in diesem Zimmer. Dr. Harding war plötzlicher gestorben, als er sich für einen Arzt gehörte.
17:53
Er ruhte jetzt inmitten seiner dankbaren Patienten und ich hatte mein Firmenschild an der Stelle anbringen dürfen, wo vorher seines gewesen war. Ich fand die Karte von Frau Jenny Herwig schnell wieder. Unter die Personalien hatte Harding in Stichworten die Vorgeschichte geschrieben. Die Hauptsache war das Herz. Beratung, eingehende Untersuchung, EKG, Besuch, Digitales, wieder EKG, wieder Digitales, Und weiter so von Datum zu Datum. Zuletzt nur noch Besuche und Rezepte.
18:25
Ein halbes Jahr. Eine ergiebige Krankheit, das konnte man sagen. Und jetzt, wo ich an der Reihe war, musste sie stärken. Ich machte noch eine Eintragung. Nachteilbesuch, 21.30 Uhr, Exitus Letalis.
18:44
Diagnose, schwerer Herzmuskelschaden, absolute Arrhythmie, Herzstillstand. Totenschein ausgestellt. Eine Weile noch starte ich die Karte an und meine Schrift. Ich dachte wieder an gestern. An das dunkle Haus mit der toten Frau und an meinen Traum. Er war jetzt vollständig weg, verwischt. Nur noch ein Fetzen war da. Von leeren Flaschen hatte ich geträumt. Aber davon träume ich oft und wünsche, sie wären voll.
19:15
Kein Grund zur Aufregung. Ich schob die Karte zurück und fingerte unter dem Buchstaben L herum, bis ich hatte, was ich suchte. Agnes Lensum, die alte Dame, die Schwester der Toten. Mr. Lensum war Engländer gewesen und in London gestorben. So stand es auf der Karte. Seine Frau war in die Heimat zurückgekehrt. Jetzt wohnte sie in der Kreuzallee Elf.
19:40
Ich kannte die Straße und konnte mir vorstellen, wie das Haus aussah. Erkertürmchen und Eingang für Lieferanten. Doch passte sie hin, wie eine schottische Herzogin in ihrer Burg, betreut von einem Butler und Siebenzofen. Sehr oft war sie nicht bei meinem Vorgänger gewesen. Es waren viel weniger Eintragungen auf der Karte als bei ihrer Schwester Jenny. Sie schien die Gesündere von beiden zu sein. Jetzt sowieso.
20:07
Draußen klappte die Tür. Dann wurde meine aufgerissen.
20:15
Ach, Herr Doktor, Sie sind schon da?
20:19
Ich bin schon da. Guten Morgen.
20:21
Guten Morgen. Ja, aber wieso? Seit wann denn?
20:26
Seit gestern Abend. Ich habe die ganze Nacht hier gesessen und geweint, weil Sie mich verlassen.
20:31
Ach, Herr Doktor.
20:33
Carla Höflich war klein, mager, hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und die Züge einer Maus, die gerade vor der Katze erschrickt. Sie war Dr. Hardings Sprechstundenhilfe gewesen. Ich hatte sie übernommen und anderes Inventar mit ihr, aber ihre Zeit war um. Sie war alt genug, um aufhören zu können.
20:54
Haben Sie denn schon jemanden?
20:56
Heute Nachmittag wollen Sie sich zwei vorstellen.
20:59
Gleich zwei?
21:00
Jawohl, man reißt sich um Ihren Posten.
21:03
Na dann, viel Spaß.
21:07
Gab es denn schon was?
21:08
Ich meine, weil Sie so früh schon... Frau Herwig ist gestern Abend gestorben. Jenny Herwig. Nein. Doch. Sie war so frei.
21:18
Aber das ist ja furchtbar.
21:19
Es war eine alte Dame immerhin.
21:22
Na, wenn das Dr. Harding wüsste.
21:24
Sie wird es ihm jetzt erzählen.
21:26
Also Ihnen fehlt wirklich jede Ehrfurcht, Herr Doktor.
21:28
Ich weiß.
21:30
Und Ihre Schwester Frau Lenzum hat sie schon...
21:33
Sie hat sie gefunden.
21:35
Die Ärmste. Sie haben sie doch hoffentlich getröstet.
21:37
Ich habe es versucht, aber sie sah nicht so aus, als ob sie viel Trost brauchte.
21:43
Sie ist sehr, sehr beherrscht, möchte ich sagen. Ihre Schwester ist, war viel wehleidiger.
21:50
Das macht die englische Schule. Dort wird weniger gejammert und weniger nach anderen Leuten geschielt als bei uns. Aber ich höre Kundschaft, Fräulein, höflich. Wollen wir.
22:00
Ich gehe ja schon.
22:04
Der Vormittag verging ohne Sensation. Nach dem Mittagessen machte ich noch ein paar Besuche und kam kurz vor vier wieder in die Praxis zurück. Ich setzte mich erwartungsvoll an den Schreibtisch, nicht mehr lange, und die Damen, die sich bei mir als Sprechstundenhilfen beworben hatten, würden erscheinen. Die erste erschien zehn Minuten nach vier.
22:25
Sie war Mitte 40, hatte strähniges Haar und einen Knoten. Sie hatte vier Semester Medizin studiert, aber die Prüfung war irgendwie hinderlich gewesen. Sie warf mit lateinischen Ausdrücken um sich und sagte, dass ihr letzter Chef sie unter Tränen gebeten hatte, bei ihm zu bleiben, aber die Fälle seien ihr nicht interessant genug gewesen, keine Möglichkeit zur Weiterbildung. Ich bedauerte sie und sagte... Ich könnte erst in den nächsten Tagen Bescheid geben, da sich sechs Damen angemeldet hätten. Die zweite folgte auf dem Fuße, war ungeheuer gutmütig, aber sie ließ ihre Handtasche viermal während unserer Unterredung fallen.
23:00
Ich hob sie ihr viermal auf und überlegte, wie viel Spritzen in einem Jahr neu angeschafft werden müssten. Ich entließ sie mit aufmunternden Worten. Dann blieb ich in meinem Stuhl hocken und beklagte mein Schicksal.
23:13
Carla ging am Ende der Woche unwiderruflich und ohne Erbarmen. Dann saß ich da. Wenn sich niemand mehr meldete, blieb nur die Dicke oder die verhinderte Frau Professor. Ein hartes Los. Es war 20 Minuten nach 5. Eben wollte ich aufstehen und gehen. Da klingelte mein Telefon in die traute Stille. Ich zögerte und überlegte mir, dass es mein Recht wäre, am Mittwochnachmittag für Patienten nicht da zu sein.
23:42
Dann dachte ich an meine wenigen Scheine und hob den Hörer ab. Ihr Klein.
23:47
Ihr Groß. Hallo.
23:51
Ha, ha, ha.
23:53
Wie bitte?
23:54
Ich habe schon bessere Witze gehört. Bist du es, Inge?
23:57
Was soll das? Nein, ich bin nicht Inge. Ich heiße Groß. Sie haben doch annonciert wegen einer Sprechstundenhilfe. Sind Sie das nicht?
24:04
Ich bin es. Aber wenn ich mich recht erinnere, meine Dame, hatte ich gebeten, sich bis 5 Uhr einzufinden.
24:09
Ist es denn schon 5?
24:11
Es sieht auf meiner Uhr so aus.
24:13
Ach, ich habe den dummen Bus verpasst.
24:14
Ich weiß, ich weiß. Und die Schularbeiten sind auch noch nicht ganz fertig, wie? Wo sind Sie denn?
24:20
In fünf Minuten kann ich bei Ihnen sein.
24:22
Na, dann bewegen Sie sich her. Mit AK.
24:25
Mit was?
24:26
Mit äußerster Kraft heißt das.
24:28
Ach so.
24:28
Und nun lassen Sie bitte den Nächsten in die Telefonkabine und kommen Sie. Nach acht klingeln Sie bitte in der Wohnung.
24:35
Sie sind aber gar nicht nett.
24:38
Ich blieb sitzen und wartete.
24:40
Die unpünktliche Dame hatte eine sympathische Stimme, so viel stand fest. Zehn Minuten später klingelte es draußen stürmisch. Ich erhob mich und öffnete die Korridortür. Ich sah in ein erhitztes Gesicht mit dem Lächeln eines routinierten Lausbuben. Das Haar darüber war kurz, schwarz und mäßig zerwühlt. Die Augen waren von einem glimmenden mittleren Blau und strahlten durchaus unbekümmert trotz der Verspätung.
25:09
Die Nase richtete sich leicht nach oben, und darauf und über der Nasenwurzel saßen ein paar Sommersprossen. Die Schläfen zogen sich ganz leicht nach innen, und in die Stirn ragten einzelne Spitzen der gestutzten Mähne wie Federn eines Vogels, der durch den Sturm gesegelt ist. Das Ganze gehörte einem Mädchen, das mir bis zum Kehlkopf reichte. Sie war nicht volljährig, soweit ich sehen konnte, aber die übrige Entwicklung schien durchaus abgeschlossen.
25:37
Sie trug ein wirrbuntes Halstuch, einen roten Pullover und einen weißen Rock von der heute üblichen Länge. Ich widerstand der Versuchung, noch tiefer nach ihren Beinen zu schielen, um nicht gleich an Terrain zu verlieren.
25:51
Da bin ich also.
25:53
Fein, dass Sie die Klinge wieder losgelassen haben.
25:55
Okay. Ging das nicht schnell?
25:57
Fabelhaft. Kommen Sie. Die Tür dort rechts.
26:04
Danke.
26:07
Ich ließ sie ins Sprechzimmer vorangehen, um die Beine nachzuholen. Ich bin eine Art Beinfetischist und verstehe etwas davon. In der ersten Sekunde sah ich, dass ich hier alles zusammennehmen musste, um sachlich zu bleiben. Der kurze Rock hatte seine Gründe. Sie setzte sich und schlug die Beine auch noch übereinander. Mühsam behielt ich den Blick oben.
26:32
Ich heiße also Groß.
26:33
Das habe ich behalten. Mir interessiert mich, wo sie vorher waren.
26:37
Noch gar nicht. Ich habe nur das Praktikum gemacht während der Ausbildung bei Dr. Müller und Dr. Brahms. Ich habe doch erst die Prüfung gemacht und...
26:45
Wie alt sind Sie denn?
26:46
Zwanzig. Werde ich.
26:48
Wann? Im April. Finden Sie nicht, dass Sie noch zu jung sind für so einen Betrieb?
26:54
Wieso denn zu jung? Mal muss man doch anfangen. Überall heißt es, ich bin zu jung.
26:59
Wo überall?
27:01
Ich habe mich doch schon zweimal beworben.
27:02
Und?
27:03
Nichts. Da hieß es dann auch, ich wäre zu jung.
27:07
Aber das war es nicht.
27:08
Was war es denn?
27:10
Die Frau Doktor. Sie hat mich reingelassen und gesehen. Und da war es gleich aus.
27:15
Vielleicht war die Frau Doktor selber mal Sprechstundenhilfe. Ach, sieh. Was war es beim zweiten?
27:20
Das Gegenteil. Er war nicht verheiratet. Er sagte, ich sollte in seine Wohnung ziehen, der Einfachheit halber.
27:26
So, so.
27:27
Das finden Sie auch noch komisch, wie?
27:29
Naja, viele Möglichkeiten außer den beiden gibt es nicht. Entweder ist einer verheiratet oder nicht.
27:37
War es das aber auch wirklich? Ich meine, die misstrauische Frau Doktor und ihr großmütiger Verzicht. Oder sind Sie nur ein bisschen zu spät gekommen?
27:45
Sie sind aber nachtragend.
27:46
Ich bin nicht nachtragend. Aber wenn Sie es mit der Pünktlichkeit nicht genau nehmen, werden Sie in dieser Branche kaum älter werden, als Sie jetzt sind. In anderen wahrscheinlich auch nicht, Frau Leinl. Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen?
27:59
Mechthild.
28:00
Mechthild?
28:03
Wie kann man denn Mechtelt heißen?
28:04
Ich heiße ebenso. Soll ich mich umtaufen lassen? Verzeihen Sie, aber ich werde so oft damit aufgezogen.
28:11
Natürlich. Ich wollte Sie auch nicht ärgern. Haben Sie Ihre Zeugnisse mit?
28:15
Habe ich.
28:18
Sie kramte in ihrem Quadrat-Täschchen herum und gab mir ein paar Papiere. Ich brachte sie in die richtige Reihenfolge und las. Als erstes stieß ich auf die drei im Examen.
28:29
Och, die blöde Anatomie...
28:32
Ja, ja. Der Musculus Mateus Gluximus.
28:35
Gluteus Maximus.
28:37
Na also. Und wozu ist er da?
28:39
Man haut... Ich meine, man gibt Spritzen dorthin, die IM-Spritzen.
28:46
Ich las weiter.
28:47
Beim letzten Zeugnis fing ich an zu murmeln.
28:50
Sie zeigte sich anstellig und gewandt im Umgang mit den Patienten, war bei Kindern beliebt, ist von wahrhaftigem und aufrichtigem Charakter, manchmal leider vorlaut und unbeherrscht.
29:00
Sie wird lernen müssen, ihr Temperament besser zu zügeln.
29:04
Das musste er doch nicht reinschreiben, oder?
29:06
Hat er recht?
29:08
Er hat recht.
29:10
Da. Stecken Sie die Dokumente wieder ein.
29:15
Und was wird jetzt?
29:18
Tja, große Mechthild. Das ist alles ganz nett, aber es haben sich noch mehr ihres Faches gemeldet.
29:28
Ich muss aussuchen, was für mich das Beste ist. Lassen Sie mir Ihre Adresse hier. Ich schreibe Ihnen. Wahrscheinlich schon morgen. Was haben Sie denn?
29:39
Ich weiß schon, wie es wird. Sie nehmen mich nicht. Ich bin zu jung und ich war unpünktlich. Und beim nächsten ist es wieder was anderes. Was soll ich denn machen? Ich muss doch arbeiten. Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Und vielen Dank, dass Sie mich wenigstens angehört haben.
29:55
Ich blieb sitzen und sah zu Ihren Pflaumfedern.
30:00
Ich dachte an die gescheiterte Physikums-Kandidate mit dem Strähnenknoten. Und an die zweite, die alles fallen ließ. Sie würden genauso auf meinen Nerven herumtrampeln, wie das Mädchen Mechthild. Vielleicht noch mehr. Die hier konnte man auch erziehen. Die anderen würden nie wieder herauskommen aus ihren eingefahrenen Streifen. Außerdem war da noch die Probezeit von drei Monaten als Sicherheitsventil. Und schließlich, eine Augenweide war besser als Trauerweiden. Auch für die Kundschaft.
30:32
Alles das machte ich mir vor und wusste doch genau, dass es die Federhaare waren und das glimmende Blau in den Augen und die Beine, auf denen sie jeden Tag stehen würde. Ist noch was? Setzen Sie sich wieder hin. Wo wohnen Sie?
30:51
Bei meiner Tante, Wendelstraße 8. Es ist doch Telefon da.
30:57
Schreiben Sie es hier auf diesen Zettel.
31:06
Und nun hören Sie gut zu. Die Schilder draußen an den Türen waren teuer. Ich kann nicht schon wieder neue kaufen, auf denen die Sprechstunde später angesetzt ist, weil mein Fräulein Helferin nicht zur rechten Zeit erscheint. Sie können ruhig sagen, wenn Ihnen was nicht passt. Sie werden es auch tun, davon bin ich überzeugt. Aber wenn Sie nicht pünktlich sind, ist es mit unserer Zusammenarbeit zu Ende. Schnell und lautlos. Punkt.
31:32
Ja.
31:35
Soll das heißen, dass ich...
31:37
Das heißt, dass Sie am Montag anfangen sollen. Sind Sie auch mal sprachlos? Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist.
31:49
Es soll nicht wieder vorkommen, Herr Doktor.
31:52
Ich glaube es. Können Sie am Samstag schon kommen, gegen elf?
31:57
Kann ich, kann ich.
31:58
Gut, da ist Ihre Vorgängerin von ein Höflich den letzten Tag da. Sie kann Ihnen alles zeigen.
32:02
So.
32:05
Das wär's dann. Und nun entweichen Sie. Für heute habe ich genug.
32:10
Vielen, vielen Dank, Herr Doktor. Meine Tante wird sich so freuen. Ich komme am Samstag. Ich bin bestimmt pünktlich.
32:18
Sie drückte meine Hand noch kräftiger als vorhin. Es musste kein leichtes Erlebnis sein, von ihr eine Ohrfeige zu kriegen. Sie war schon in der Tür und fuhr so plötzlich herum, dass ich die Augen gerade noch von ihren Beinen weg und in die Höhe brachte.
32:34
Eine Frage noch. Wie ist die Gage?
32:38
Sie werden nach Tarif bezahlt. Nach Alter und Dienstalter.
32:44
Ach, Tarif. Wenn ich das schon höre, wird mir immer ganz arm zumute.
32:48
Aufbesserungen richten sich nach den Betragen. Oder wollen Sie es doch lieber beim Film versuchen?
32:53
Na, auf jeden Fall weiß ich jetzt, warum Sie mich genommen haben.
32:56
Aus Geiz. Ja. Nun aber raus.
32:58
Bin schon draußen.
33:01
Ich blieb eine Weile sitzend den Kopf in der Hand.
33:04
Ich hatte mir den freien Nachmittag um die Ohren gehauen. Aber ich hatte es hinter mir. Und eigentlich? Naja, man würde sehen. Ich raffte mich noch auf und zog die Schreibmaschine heraus und schrieb an die beiden ersten Damen, dass ich sehr bedauerte, aber mich anders entschieden hätte. Anbei die Zeugnisse zu meiner Entlastung zurück und mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Klein.
33:39
Am Samstag stand ich zur gewohnten Zeit auf, gähnte herzzerreißend und wischte die üblichen Tränen aus den Augen. Die Morgenzeitung lag schon auf dem Fußboden im Flur. Ich las in der Schlagzeile, dass noch keine Fortschritte erzielt wären, wie immer, drehte dann das Blatt um und sah nach dem Horoskop. Der Tag beginnt vielversprechend für Sie, stand unter meinem Datum. Ich ließ die Zeitung fallen und ging ins Bad.
34:06
Als ich mein zerknittertes Antlitz im Spiegel betrachtete, setzte die Klingel ein wie die Posaune zum jüngsten Gericht. Ich fuhr zusammen. Störung am Morgen schätzte ich nicht. Man muss gefrühstückt haben und warm gelaufen sein, um etwas tun zu können. Andererseits war ich friedfertiger Stimmung, weil das Wochenende bevorstand. Ich angelte meinen Morgenrock vom Haken, zog den Gürtel fest um den Bauch, fuhr mit dem Kamm durch meine wenigen Haare und ging zur Tür. Draußen stand...
34:36
Mit strahlender Miene und niedlichen Pflaumfedern das Mädchen Mechtild. Sie war frisch wie der ganze Mai auf einmal und blickte mit sichtlichem Vergnügen auf meine vertrante Gestalt. Ich starrte sie an wie ein Gespenst außerhalb der Geisterstunde.
34:53
Guten Morgen. Sehen Sie aber müde aus. Schlecht geschlafen?
34:58
Was ist denn in Sie gefahren, Sie unglückliche?
35:00
Ich dachte, ich mache doch lieber die ganze Sprechstunde mit. Und da wollte ich recht pünktlich sein, damit Sie nicht... Nicht, Tilt.
35:05
Wollen Sie mich zu meinem ganzen Ärger noch verhöhnen?
35:08
Aber nein. Ich weiß doch nicht genau, wie lange der Bus braucht. Und manchmal dauert es ewig.
35:13
Mit Ihnen habe ich einen feinen Fang gemacht.
35:15
Wieso?
35:16
Wirklich nett, dass Sie nicht schon kurz nach dem Abendessen gekommen sind.
35:20
Hier sind die Schlüssel. Gehen Sie schon rüber. Aber lassen Sie sich nicht wieder blicken, bevor ich komme. Sonst drehe ich Ihnen das Innere nach außen.
35:30
Jawohl, Herr Doktor. Sie machte eine Art Knicks. Ich warf die Tür zu. Eine Stunde später fingen wir an. Zu dritt. Ich kam mir vor wie ein Pasha für einen Tag. Carla bediente mich drin und Mechthild hantierte im Verbandszimmer und unterhielt die Leute. Verschiedentlich hörte ich Gelächter.
35:49
Es war ein netter, ruhiger Tag. Leider der letzte für einige Zeit. Kurz vor zwölf war Schluss. Ich ging zu meinen beiden Frauen. Sie räumten das Verbandszimmer auf. Mechthild sterilisierte die Spritzen. Ich verabschiedete mich von Carla mit einer längeren Ansprache, schenkte ihr einen dicken Arztroman als Abschiedsgabe und bedankte mich für ihre überaus wertvolle Unterstützung. Sie war ziemlich gerührt.
36:18
Zusammen mit Mechthild verließ sie mich. Als ich meinen weißen Mantel auszog, klingelte es. Ich seufzte, zog ihn wieder an und ging zur Tür. Diesmal war es nicht Mechthild. Mein Blick traf auf ein paar funkelnde, ungeheuer dicke Brillengläser, hinter denen die Augen weit weg waren und eiskalt. Das Gesicht um die Brille war oval, und sie saß auf einer starken Nase, unverrückbar fest.
36:47
Weil der Herr seinen Homburg abgenommen hatte, konnte ich sein Haar sehen oder, was davon übrig war, ein paar schmale, grauschimmernde Sardellen über der Hirnschale. Er war wohl um die 50, trug einen leichten grauen Racklan aus dem ersten Haus am Platze und hielt in der linken Hand eine rindlederne Aktentasche mit raffiniertem Verschluss. 200 Franken garantiert. Offenbar hatte er es schon weitergebracht als ich.
37:12
Guten Tag, Herr Dr. Klein. Mein Name ist Krompecher, Rechtsanwalt Dr. Krompecher.
37:18
Guten Tag, Herr Dr. Krompecher.
37:21
Ich bedauere, dass es Sie jetzt noch stören muss, Herr Doktor. Ich hätte Sie gern kurz gesprochen. Das Anliegen lässt sich telefonisch schlecht erledigen. Darf ich eintreten? Ich bitte sehr. Treten Sie ein, Herr Rechtsanwalt. Danke, verbindlichst.
37:38
Ich komplimentierte ihn zum Sprechzimmer hinein und auf den Patientenstuhl. Er richtete seine Fernglasaugen auf mich.
37:44
Herr Dr. Klein, es handelt sich um Folgendes. Ich vertrete, äh, vertrat die Interessen von Frau Jenny Herwig. Ich war ihr Rechtsbeistand.
37:58
Jenny Herwig, meine tote alte Dame vom letzten Dienstag. Ich schwieg, aber ich war hellwach. Jenny Herwig...
38:07
als hätte ich geahnt, dass da irgendetwas nachkommen würde. Er räusperte sich gekonnt.
38:15
Ich darf vorausschicken, dass die Auskunft, die ich von Ihnen erbitte, möglicherweise mit Ihrer ärztlichen Schweigepflicht kollidiert. Auch wir haben eine derartige Verpflichtung unseren Klienten gegenüber. Das ist mir bekannt. Das handelt sich um eine Erbschaftsangelegenheit. Ich verwalte den Nachlass von Frau Herwig und ich bin beauftragt, diese Angelegenheit abzuwickeln.
38:39
Frau Herwig war bei Herrn Dr. Harding, ihrem leider verstorbenen Vorgänger Dr. Klein, in Behandlung bis zu dessen Tod. Frau Lenzen, die Schwester von Frau Herwig, hat mich über ihren letzten Besuch informiert. Sie hatte auch die Freundlichkeit mit den Totenscheinen, mit ihren Eintragungen zu zeigen. Meine Frage wird Ihnen ungewöhnlich erscheinen. Ich wäre Ihnen für eine Antwort dennoch sehr verbunden.
39:02
Besteht irgendein Zweifel an der natürlichen Todesursache von Frau Jenny Herwig?
39:10
Jetzt war es heraus. Beinahe hatte ich es schon vergessen. Und jetzt war es wieder da und störte mich von Neuem. Ich legte meine Stirn in Falten, als müsste ich ungeheuer scharf nachdenken.
39:23
Ich meine, ob Sie vom ärztlichen Standpunkt... Frau Herwig.
39:28
Ach ja! Ja!
39:30
Der erste Todesfall in meiner neuen Praxis. Ja, ja, natürlich.
39:33
Ob Sie absolut, ich meine, absolut sicher sind, dass kein Fremdverschulden vorliegt.
39:41
Ich drehte mich mit dem Stuhl nach links, zog den Privatkasten aus dem Regal und fingerte darin herum, obwohl ich genau wusste, wo die Karte steckte. Ich schwenkte zurück in die Richtung des Anwalts und hielt die Karte wie ein Bilderbuch zwischen den Händen. Wie gesagt, es liegt ganz in Ihrem Ermessen. Nein, nein, das ist kein Staatsgeheimnis. Nur lebend habe ich Frau Herwig niemals gesehen. Aber die Eintragung von Dr. Harding, die Vorgeschichte, der ganze Verlauf, eigentlich ein ganz klarer Fall.
40:11
Sie hatte einen Herzmuskelschaden schon lange Zeit. Unter der Behandlung hielt sie sich gerade so eigentlich sogar ganz gut.
40:17
Ist es da nicht eigenartig, dass so plötzlich...
40:23
wenn sie sich, wie Sie sagen, unter Behandlung gut hielt?
40:26
Ich möchte nicht sagen, dass es eigenartig ist, Herr Rechtsanwalt. Natürlich stellen wir uns diese Frage auch immer, aber hier, wissen Sie, solche Herzen hören eines Tages einfach auf. Die Arbeitsmuskulatur wird schwächer, sie verödet sozusagen, die Durchblutung wird schlechter, Anstrengungen werden immer weniger vertragen. Diese Fälle sind häufig. Und man darf nicht vergessen, sie war weit über 70 Jahre alt.
40:52
Nein, also ich hatte nicht den geringsten Zweifel. Ein ganz normaler Fall. So. Medikamente? Nichts Gewaltiges. Sie war auf Digitales gesetzt. Nahm es regelmäßig. Solche Herzen brauchen es ständig, wissen Sie. Dauerdosis. Ein paar Schlaftabletten hatte sie. Schwache Dinger, vollkommen ungefährlich. Weiter habe ich nichts gesehen. So.
41:17
Mhm.
41:21
Ich danke Ihnen, Herr Dr. Klein.
41:22
Ihre Auskunft war mir sehr von Nutzen. Ich will Sie nun keinesfalls länger stören. Vielleicht erlauben auch Sie mir zum Schluss noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt. Ja, bitte. Wenn es die Schweigepflicht Ihrerseits nicht zu sehr strapaziert...
41:38
Hätte ich natürlich gerne gewusst, warum... Dafür habe ich Verständnis. Es ist, um Ihre Worte zu gebrauchen, ein ganz normaler Fall. Eine Erbschaftsangelegenheit. Es geht um Geld, um einen stattlichen Betrag. In solchen Fällen vergewissere ich mich gern und hole entsprechende Auskünfte ein. Das ist alles. Ach so.
41:56
Ich dachte, Sie hätten von sich aus einen Verdacht, dass die Erbfolger womöglich etwas nachgeholfen haben könnten.
42:03
Durchaus nicht. Wie gesagt, eine Routineangelegenheit. Ein normaler Fall wie die Todesursache.
42:09
Ich fragte nichts mehr. Ich half ihm in den Racklan.
42:13
Er empfahl sich mit einer Verbeugung. Dann ging er. Seine Brillengläser blitzten noch einmal gefährlich. Ich schloss die Tür und blieb stehen mit den Händen in den Manteltaschen. Dann ging ich zurück. Ich nahm die Karte noch einmal auf und sah sie an.
42:33
Nichts.
42:36
Trotzdem war es komisch. Die ganze Geschichte hätte er telefonisch erledigen können. Obwohl, vielleicht hätte ich gesagt, am Telefon könnte ich solche Auskünfte nicht geben. Auch wieder wahr. Aber war denn das üblich, zum Teufel nach der Todesursache herumzuschnüffeln, wenn irgendjemand starb und andere beerbten ihn? Da müssten ja Scharen von Anwälten den ganzen Tag unterwegs sein.
43:06
Ich schob die Karte entschlossen an ihren Platz zurück, zog den Mantel aus und verließ die Praxis endgültig. Ich wollte nicht das ganze Wochenende an tote alte Damen und ihre Anwälte denken. In der Nacht schlief ich ausgezeichnet. So gut, dass ich garantiert noch drei Stunden hätte weiterschlafen können, als das Telefon mich weckte. Trotz der Aussicht auf gewinnbringende Arbeit blieb ich schlaftrunken liegen und hoffte, dass es aufhören würde. Nichts dergleichen.
43:35
Es klingelte, als riefen sechs Leute gleichzeitig bei mir an. Ich wankte ins Wohnzimmer und hob den Hörer ab. Mit einem Schlag verschwand meine schöne Müdigkeit, als ich die Stimme erkannte und der Zorn mich packte. Mechthild, meine neue Perle. Sonntagfrüh um halb acht. Herr Doktor, entschuldigen Sie, ich... Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Ihre Witze fangen an, mir auf die Nerven zu gehen, Fräulein Groß. Ich verbitte mir...
44:03
Was ist denn los? Heulen Sie nicht, sondern antworten Sie.
44:10
Meine Tante. Ich habe sie eben wecken wollen. Ich glaube, sie ist... Sie lebt nicht mehr. Könnten Sie vielleicht... Ich weiß doch nicht, was ich tue. Ihre Tante? Ja. Ich wohne doch bei ihr. Und eben, als ich sie wecken wollte... Sind Sie sicher, dass Sie... Ja, ich glaube. Ich weiß es nicht.
44:34
Doch, ich glaube, sie ist tot.
44:59
Susanne?
44:59
Wolfram?
45:01
Da hat sie schon angekündigt, die zweite tote Dame. Ja.
45:04
Das ist mal ein Cliffhanger, von wegen, dass in jeder Folge wahrscheinlich eine, es wird nicht so weitergehen, wie ihr in der zweiten Folge hören werdet. Aber Wolfram, jetzt hat er doch aber schon nach dem Tod der Ersten ein nicht näher zu definierendes Bauchgefühl, ein Missbehagen, was diesen Tod angeht. Worauf begründet er das?
45:24
Ähm...
45:27
So wie es uns vermittelt wird, bekomme ich keine Indizien, woraus begründet wird. Und ich finde das wirklich gerade gut geschrieben, weil er ja selber sagt, alles ist ganz normal, was ich hier erlebe. Da ist nichts Komisches, ist alles völlig im Rahmen, alles gut medizinisch natürlich erklärbar.
45:46
Und gerade das finde ich eigentlich gut, dass ich keinen Indiz bekomme, weil er kann es ja selber nicht benennen, sonst wären wir schon am ganz anderen Punkt. Aber irgendwas stört ihn. Finde ich gut. Genauso. Ich kann quasi total seine Haltung nachvollziehen. Auch wenn ich seinen Zweifel nicht nachvollziehen kann. Mhm.
46:06
Ja, es fühlt sich ein bisschen an, als hätte er eine Vorahnung und wenn man die, wenn du mich jetzt ein bisschen rumspinnen lässt, jetzt ist diese alte Dame gestorben, die er nicht kannte, aber die ihn anrührt und ihm was bedeutet, allein aufgrund ihres Erscheinungsbildes, wie auch ihre Zwillingsschwester, diese Beschreibung dieses schwarzen Kleides mit dem weißen Lätzchen und dann doch irgendwie so schöner Schmuck darauf.
46:31
Die Ruhe dieses Hauses, das sind ja Anknüpfungspunkte, wo uns gar nicht erklärt wird, wo er nicht sagt, das war wie meine Oma damals oder sowas. Aber es scheint ja aus einer Vergangenheit zu kommen, die ihm trotzdem was bedeutet. Und da meine ich jetzt 1900 und noch die, in Anführungszeichen, gute alte Zeit, die vielleicht auch in Form dann dieser alten, toten Dame geschieht.
46:58
Und wenn wir jetzt sagen, es ist 1968 entstanden und Hans Kohl hat es in den 60ern geschrieben, also Zeit des Umbruchs, ist das vielleicht auch, jetzt lege ich sehr viel in diesen eigentlich sehr unbekümmerten jungen Arzt hinein, aber so eine Vorahnung des Zeitenwechsels.
47:19
Jetzt haben wir wirklich die Abkehr vom Alten, Tradierten. Weil das wird auch in Zukunft noch eine Rolle spielen, dass du Figuren aus der guten alten Zeit hast.
47:30
Ja, und wie man sich anspricht und so weiter. Das sind ja auch Sachen...
47:34
Was meinst du?
47:35
Es gibt ja viele Sachen, wie spricht man sich an? Spricht man sich höflich an? Wem gibt man die Hand? Dann wiederum, wie die fehlende Pünktlichkeit, die Mechtelt so vorgeworfen wird. Also quasi dieses klare, sich an starre Regeln halten, die vielleicht aber auch einen Rahmen und Sicherheit geben. Das wiederum scheint ja auch nicht mehr ganz hundertprozentig selbstverständlich zu sein. Genau das alles schwingt ja alles mit. Und ich weiß ja, du...
48:00
Hast du ja manchmal so ein gewisses Faible, oder? Für diese doch irgendwo heile Welt, die einem da versprochen wird.
48:08
Ja, das ist natürlich unfair. Ich habe in dieser Zeit nicht gelebt und das sind fiktive Werke. Das heißt, es wird das erzählt, was man erzählen möchte.
48:15
Auch von schönen Stimmen vorgetragen, oder?
48:17
Genau, aber jetzt haben wir dann einen jungen Arzt, der eine Praxis übernommen hat und...
48:24
Und nicht weiß, wie das weiterläuft und ist jetzt nicht so der souveräne, finanziell gut aufgestellte Arzt. Aber damit geht er so gelassen um. Und ich glaube, das ist wirklich vor ein paar Jahrzehnten war das noch besser möglich, als in unseren heutigen Zeiten, wenn ich jetzt eine Ärztin, einen Arzt treffe, der sagt, ich habe gerade eine Praxis übernommen. Ich werde erschlagen von Bürokratie. Es reicht hinten und vorne nicht. Ich muss auswählen, welche Patienten ich annehmen kann und welche nicht. Also das sind so gestresste Dimensionen, dass mir wirklich diese, wieder in Anführungszeichen, gute alte Zeit in Hörspielen immer ein bisschen ans Herz geht.
49:00
Das ist wie Wolfram Disney Filme, Susi und Streuch, das Anfangsbild. Da ist dieser junge Hund in diesem wunderschönen Haus und da leben noch zwei Katzen. Und was machen diese Viecher den ganzen Tag? Nichts anderes als schlafen und essen. Und draußen scheint die Sonne und es gibt schön angelegte Blumenbeete. Und ich hätte gerne manchmal so eine in diesen Tag hineinleben wie Susi oder diese Siam-Katzen oder was es da sind. Keine Ahnung. Einfach mit dem zufrieden sein. Und ringsherum ist auch alles irgendwie so ein bisschen gut.
49:34
Gelassenheit finde ich wirklich ein sehr spannendes Wort. Ich meine, die Inszenierung ist ja auch sehr gelassen. Manchmal möchte man vielleicht sagen sogar zugelassen. Ich möchte vielleicht ein bisschen aufrütteln und sagen, jetzt ein Tick schneller wäre noch besser ab und zu oder ein Tick mehr Schalk vielleicht in der einen oder anderen Stimme. Aber spannend, ich meine, das, was du jetzt inhaltlich beschrieben hast, ist ja, glaube ich, was diese Gelassenheit, die dir da gefällt. Mir gefällt eben auch doch die Gelassenheit grundsätzlich bei älteren Hörspielen tatsächlich in der Inszenierung.
50:04
Trotzdem, irgendwie wirkt es ein bisschen, alles wirkt ein Stück entspannter, finde ich, in vielen Punkten.
50:10
Aber denkt das mal weiter. Woran liegt das? Also man kann ja sagen, es entsteht Stress durch Multilayer. Also wenn man viel akustisch einbaut, viele Geräuschspuren und Musik, könnte es ein Stress sein. Auf der anderen Seite könnte man auch sagen, die hatten vielleicht noch nicht so strenge Formatvorgaben.
50:28
Das weiß ich eben nicht. Das ist jetzt vielleicht auch eine Rückprojektion. Die mussten sich wahrscheinlich auch an ihre Sendeminuten genau halten. Konnten ja nicht sagen, heute geht die tote alte Damen 200 Minuten und morgen dann nur 5 Minuten.
50:41
Nee, das stimmt. Das schon. Aber könnte man ja schon rückschließen, dass der Alltag auch bei Ihnen ein gelassenerer war. Also ich meine schon, wenn du ein Manuskript auf der Maschine tippen musst, ist das ja was anderes, als wenn du es im Zehn-Finger-System, das ist ein schlechter Vergleich. Das war es ja damals auch. Aber trotzdem, die ganze Welt war ja noch eine verlangsamterer.
51:06
Ich glaube, das ist sicherlich technisch, technologisch. Hat ja auch gar nicht so viele Möglichkeiten. Es gab zum Beispiel für einen Schnitt. Wir haben neulich auch mal drüber gesprochen. Wieso? Naja, du konntest ja nicht so 20 verschiedene Übergänge bauen. Das war dann doch deutlich einfacher, was da ging im Vergleich zu heute. Also würde ich jetzt schon sagen.
51:23
Mich wundert es nur, dass du das an dem Beispiel vom Schnitt jetzt Deutsch machst, weil das ist ja nun, was man einfach machen kann. Du denkst an die Überblenden?
51:33
Ja, weil wir einfach viel mehr Möglichkeiten haben und vielleicht auch das, womit eigentlich alle Kunst- und Medienschaffenden heutzutage kämpfen, dieser Aufmerksamkeitsökonomie, weil das eine wahnsinnig große Auswahl ist. Man muss hier nicht ins Theater gehen oder ein Hörspiel hören. Man kann einfach sich einen TikTok-Kanal anschauen oder ein Buch lesen oder ein Film schauen oder Netflix oder was auch immer oder Videospiel spielen. Da hat man auch den Eindruck, dass man mehr pushen muss und mehr geben muss. Und das wirkt einfach insgesamt gelassener.
52:05
Ich mache jetzt mal ein Hörspiel und die Leute werden schon zuhören.
52:10
Ja, das stimmt. Ich denke nur gerade, das ist kein Aussterben der Langsamkeit, wenn du sagst, wir brauchen heute so eine Aufmerksamkeitsökonomie, wer kommt am schnellsten, wer catcht am meisten. Aber genau das sorgt ja dafür, dass im Umkehrschluss wieder das, was rausfällt aus dem Rahmen, in dem Falle jetzt Langsamkeit, immer noch seinen Platz hat oder vermisst wird oder vermisst.
52:36
Sicherlich voll, aber vielleicht braucht man dann sogar mehr Mut heutzutage zu sowas, wenn der Reflex eher wäre jetzt gerade Power geben, Power, Power, Power.
52:46
Wir haben doch gar nicht so viele zeitgenössische Produktionen jetzt vor den fünf toten alten Damen im Krimi-Podcast gehabt. Eigentlich müssten wir doch jetzt gar nicht uns so wohlgefallen an der Langsamkeit. Wir müssten die doch gewöhnt sein.
52:58
Aber wir haben sie genossen, beide. Aber das liegt vielleicht nicht nur an der Langsamkeit.
53:01
Es ist vielleicht auch die Sommerzeit, die Hitze und so weiter, wo man eh nicht sich so viel bewegen mag. Und das ist irgendwie auch ganz gut so ein Hörspiel. Ich meine, es ist ja auch eins, wenn ich das mal so benenne, es ist ja auch nicht so schlimm, wenn ich mal eine Minute ein bisschen wegdöse. So. Es gibt eine entscheidende Minute, wo es passieren könnte oder immer mal wieder, aber zwischendurch wäre es jetzt auch nicht ganz so schlimm, wenn meine Gedanken mal wegschweifen oder wenn ich da mit Kopfhörern höre und auf den Eiswürfen rumkaue bei meinem Getränk, wenn ich es dann nicht ganz so gut höre, ist auch nicht ganz so schlimm.
53:33
Man verpasst aber vielleicht den einen oder anderen Wortwitz, wenn nicht so eine wichtige Information.
53:37
Das stimmt. Hey, Wortwitz, das ist wirklich für mich...
53:42
Wichtiges Thema. Ich möchte so einen ganzen Komplex draus machen. Eben schon Wortwitz und unser Dr. Klein, unsere Sprechstundenhilfe, Fräulein Groß.
53:57
Ich bin gerade ganz froh, dass du sie mit dem Nachnamen genannt hast und nicht Mächte.
54:02
Nein, ich finde, diese ganze Szene, auch wie er davor über die anderen beiden Kandidatinnen spricht, die hören wir gar nicht, nur in seiner Zusammenfassung. Es ist natürlich schon zwischendurch etwas hart, es hart sich einfach dieser unglaubliche chauvinistische Blick, den man da bekommt. Wahrscheinlich aus der Zeit auch nicht unrealistisch, aber Ich finde, es gibt da einerseits wirklich auch viel Wortwitz.
54:35
Ich finde, schöne Bilder. Ähm...
54:41
Ich vertrage sie besser, wenn sie im Dialog kommen und nicht in seinem inneren Monolog. Also er sagt ja zum Beispiel so, ja, über Mächtelt dann ja. Er lässt sie dann rein, um die Beine nachzuholen, dass er wirklich eine Ruhe auf sie schauen kann. Später musste er alles zusammennehmen, um sachlich zu bleiben. Der kurze Rock hatte seine Gründe.
55:04
Das ist ja nicht unlustig geschrieben, aber scheinbar, ja, ist ja dieser Macho-Blick und die Frauen sind einfach schlussendlich so Heiratsmaterial dann doch.
55:12
Und ich meine, unser Herr Doktor ist nicht ein alter, weißer Mann, sondern ist wahrscheinlich vom Mechthild altersmäßig gar nicht so weit entfernt, der gute Michael.
55:19
So sieben, acht Jahre würde man sagen, ja, muss der schon noch das ganze Studium machen und geht nicht ganz so schnell genau. Ich würde auch sagen, der ist keine 30 Jahre alt.
55:29
Und dann finde ich aber, wenn es im Dialog ist, gefällt es mir dann besser, wenn er dann sagt, er hat sie reingelassen, fein, dass sie die Klingel wieder losgelassen haben. Und man kann es ihm genau vorstellen, okay, die muss jetzt fünf Minuten gefühlt auf die Klingel gedrückt haben. Auch wenn er es schon dreimal aufgemacht hat, da gefällt es mir auch, wenn sie...
55:49
Über ihre eigene Erfahrung spricht eben, entweder wurde sie von Frau Doktor, und damit ist natürlich nicht gemeint ein Ärztin, sondern die Frau eines Arztes. Die hat ihr Veto eingelegt, damit sie nicht eingestellt wird. Sagt ihr, ja, vielleicht war Frau Doktor früher selber mal Sprechstundenhilfe. Wird ja doch so kurz zusammengefasst, ja, die sind eifersüchtig, weil sie Angst hat, ersetzt zu werden. Immer noch ein System, auf jeden Fall gut geschrieben. Genau, und dann spricht sie umgekehrt über ihr anderes Bewerbungsgespräch. Da wollte der Arzt gleich, dass sie am besten zu mir in die Wohnung zieht.
56:21
Das ist aber dann ernst gemeint.
56:23
Genau, aber da finde ich es irgendwie wirklich schön aufgenommen im Dialog. Später, wenn er dann wählen muss, unser Doktor Klein zwischen den drei Kandidaten, die er bei ihm hatte, sagt dann, ja, am Ende eine Augenweide war besser als Trauerweide. Das gefällt mir sprachlich sehr. Aber dann macht er doch was anderes, wenn er das wieder zu sich selber sagt. So, ha, ha, ha, jetzt kommt mein Schenkelklopfer-Humor.
56:50
Genau. Aber sie darf eben auch Sprachwitz machen. Da geht es ja darum am Schluss, ja, wie viel wird denn eigentlich gezahlt? Was für mit der Gage? Und er meinte, ja, nach Tarif, Dienstalter und Alter. Und dann sagt sie, ja, wenn ich das schon höre, wird mir immer ganz arm zumute, Tarif. Super. Und so wie schön ist es nicht einfach nur der Mann, der die Sprüche klopfen darf. Sie ist wirklich auch nicht auf den Mund gefallen. Und wie immer, bei so alten Hörspielen, das ist ja so eine Frauenstimme, die mir sehr gefällt. Die ganze Art vom Auftreten.
57:19
Mir wurde es tatsächlich ein bisschen promatisch gemacht durch den ganzen männlichen Blick davor. Aber wenn Sie es zusammen machen, gefällt es mir wirklich sehr gut, die Dynamik zwischen beiden.
57:31
Ich hänge gerade dran, wir haben...
57:34
Ich kann mich an kein Hörspiel erinnern, wo eine weibliche Erzählerin quasi in dieser Gelassenheit und aber auch in dieser gedanklichen Übergriffigkeit über Männer schreibt. Also wenn wir innere Frauenstimmen haben, dann sind das meistens getriebene Opfer oder Täterinnen, die sicher an alles andere denken als an den Knackarsch oder schöne Beine.
57:56
Die schönen Beine, nur nochmal an den Bogen zu schlagen, zum ersten Stück von Hans Gruhl, von unserem Krimi-Podcast, bei der letzten Visite. Ich bin auch wieder daran erinnert, da kommt ja ein junger Arzt in ein Tuberkulose-Sanatorium und läuft da so hoch, das ist auf einem Hügel gelegen und was ihm auffällt, ist eine Frau mit gelbem Kleid und er starrt aber eigentlich nur Nur auf die Beine. Ich glaube, das ist wirklich ein ganz cooles Thema.
58:28
Ist viel Autor im Text, meinst du?
58:29
Schöne Frauenbeine.
58:34
Ich weiß nicht, ob wir noch mehr Stücke von ihm im Archiv haben.
58:39
Nein. Sonst könnten wir die Beweiskette fortführen, bin ich mir sicher. Aber sagen wir es mal so, es sind ja nicht so viele bis jetzt Mitspielende. Wir haben den Rechtsanwalt mit den Eiszapfenaugen und die Praxis gerahmt von älteren Damen. Kommt auch nicht mehr so viel mehr dazu. Und jetzt sind alle mal eingeführt und beschrieben.
59:03
Das heißt, wir können uns alle die Haare, die bei Mächtel so gesträubt sind, können wir bei uns wieder ein bisschen glätten.
59:11
Es wird nicht so viele Momente geben, über die man sich ärgern kann.
59:16
Aber schon noch welche. Wie gesagt, es gibt ja auch viele Momente, über die man sich freuen konnte. Jetzt kommt der Krimi-Fall im Schwung.
59:24
Der Krimi wird mehr und mehr Raum einnehmen. Dann kommt auch ein entspannter Arzt. Mehr und mehr in Bedrängnisse.
59:32
Dann hören wir uns nächste Woche wieder mit der zweiten toten alten Dame. Davor aber schon gibt es noch einen Vollmond. Und das heißt natürlich gruselige Geschichten im Krimi-Podcast. Die dritte Ausgabe von Verzähl du das im Ferima.
59:50
Sehr gut. Bis zum nächsten Mod. Macht's gut.
60:05
Das war ein Podcast von SRF.
60:07
Produziert im Auftrag der SRG.